
Die Arbeit der Stiftung konzentriert sich auf Wilhelm von Humboldts Überzeugung,
dass für die (human-)wissenschaftliche Erforschung der Natur des
Menschen, das Studium menschlicher Geschlechtlichkeit der eigentliche
Ausgangspunkt sein müsse. Dabei bildete der Zusammenhang zwischen
"physischer Natur" und "moralischer Natur" für
ihn ein "großes Ganzes".
Dieses hier aufscheinende bio-psycho-soziale Verständnis des menschlichen
Wesens und vor allem der Geschlechtlichkeit ist ein wesentlicher Ausgangspunkt
für die Entwicklung der Sexualwissenschaft. Für sie stellt das
anthropologische Konzept Wilhelm von Humboldts eine wichtige Grundlage
dar - was in der Öffentlichkeit und in der Forschung jedoch kaum
bekannt ist.
So hat Humboldts wissenschaftlicher Zugang zur menschlichen Natur über
die Erforschung der Geschlechtlichkeit bisher nicht die Anerkennung gefunden,
die er ihr zuerkannte und bis zu seinem Lebensende im Blick behielt -
erkennbar an dem Vorhaben des damals 60-jährigen, eine "Geschichte
der Abhängigkeit im Menschengeschlechte" zu schreiben. Sie blieb
bedauerlicherweise unvollendet. Gemäß der Einleitung zu diesem
Werk ging es Humboldt darum, "Die Geschichte eines Zustandes des
einzelnen Menschen und des Menschengeschlechts durch alle Verhältnisse
des Privatlebens und alle Ereignisse der Überlieferung hindurch zu
verfolgen" - also das Spektrum menschlicher Geschlechtlichkeit auszuleuchten,
um der "in ihrem Wesen ewig unerkannten Realität der Menschheit"
näher zu kommen.
Wilhelm von Humboldts zentraler Gedanke, dass sich das geistige Schaffen
des Menschen und letztlich auch sein Handeln von seiner "sinnlichen
Natur" nicht trennen lasse, wurde zunächst von Havelock Ellis
(1859-1939), einem der Pioniere der Sexualforschung, in dessen "Studies
in the Psychology of Sex" (zwischen 1897 und 1910) aufgegriffen und
später auch von Sigmund Freud (1856-1939) in seinen "Abhandlungen
zur Sexualtheorie" (1905) fortgeschrieben. Iwan Bloch (1872-1922),
der programmatische Begründer und Namensgeber der Sexualwissenschaft
(vgl. Vorwort seines Werkes "Das Sexualleben unserer Zeit",
1906) nahm schließlich direkt auf diese Vorarbeiten Wilhelm von
Humboldts Bezug und leitete daraus die Konzeption der heutigen Sexualwissenschaft
ab.
Humboldts grundlegenden Erkenntnisse haben neben der Prägung des
sexualwissenschaftlichen Fachparadigmas auch praktische Bedeutung und
spielen heute in der Sexualmedizin - dem klinischen Anwendungsfach der
Sexualwissenschaft - eine bedeutende Rolle:
So basiert die sexualmedizinische Diagnostik und Behandlung zum einen auf einem bio-psycho-sozialen Zugang zu sexuellen Störungen und zum anderen auf dem - ebenfalls von Humboldt im Rahmen seiner Sprachforschung vorgedachten - "Modell der Dialogik". Danach bedarf es "eines dem Ich entsprechenden Du", um sich durch dessen Anerkennung eines Gedankens in diesem wiederzufinden - und umgekehrt. Humboldt sieht darin eine "gemeinsame Erzeugung".
Dieses Modell lässt sich umstandslos auf sexuelle Kommunikation übertragen und kennzeichnet den Fokus sexualtherapeutischer Interventionen, die an der komplementären Verbundenheit der Partner ansetzten und auf eine Verbesserung der sexuellen und ggf. partnerschaftlichen Beziehungszufriedenheit (als ein nur gemeinsam Erreichbares) abzielen.
In der Sexualwissenschaft, das heißt in der Forschung, klinischen Anwendung und Lehre, bedarf es der unbedingten Bereitschaft, die Augen vor der eigenen "sinnlichen Natur" nicht zu verschließen. Wilhelm von Humboldt - und auch dies zeigt seine Größe - vermochte sich mit seiner eigenen Geschlechtlichkeit und offen auseinander zu setzen und diese auch anderen anzuvertrauen, ohne gleichwohl das Prinzip der Dialogik (und damit der Achtung des anderen) zu verletzen.
Die Stiftung soll der Bewahrung und Fortentwicklung dieses Vermächtnisses von Wilhelm von Humboldt dienen: seinem wissenschaftlichen Zugang zur Natur des Menschen über die Erforschung der menschlichen Geschlechtlichkeit als Erkenntnisquelle für das Verständnis des menschlichen Erlebens und Verhaltens, den daraus ableitbaren Implikationen für Geschlechtlichkeit, Sexualität und Partnerschaft sowie der erforderlichen Offenheit gegenüber all jenen seelischen, körperlichen und gesellschaftlichen Vorgängen, die damit in Zusammenhang stehen.
